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Dienstag, 3. Februar 2015

Jean Hiraga

Wer sich näher mit der Geschichte der High Fidelity beschäftigt und hier insbesondere mit dem in Deutschland ca. Mitte der 1980er-Jahre einsetzenden Revival der Triodenverstärker, der stolpert früher oder später unweigerlich über den Namen Jean Hiraga. Mastermind und treibende Kraft hinter dem französischen Kultmagazin L´Audiophile, Wandler zwischen den Welten als Redakteur und Publizist einerseits und Entwickler bzw. Konstrukteur von Röhrenverstärkern und Hochwirkungsgradlautsprechern unterschiedlichster Couleur andererseits. Ein high-fideler Tausendsassa sozusagen. Und: Es ist mehr als fraglich, ob die heutige Röhrenszene in Europa ohne ihn die wäre, die sie heute ist. 


Von links: K. Anzai, M. Gorst (techn.-kommerz. Direktor der GEC), Jean Hiraga (1973)
Bildquelle: Initiation aux Ampli a Tubes, S. 46 (Autor: Jean Hiraga)

Bei der Web-Recherche über Jean Hiraga stößt man auf viele Quellen. Etliche seiner in der L´Audiophile erschienenen Artikel finden sich z.B. als deutsche Übersetzung auf der Auditorium 23-Website. Und ein wahres Eldorado vieler Inhalte (der meisten!) aus der L´Audiophile findet man hier und hier. Ob das unter Copyright-Gesichtspunkten alles so seine Ordnung hat, wage ich zu bezweifeln, aber mich persönlich stört es freilich nicht...

Will man Jean Hiraga und seinen Ansatz bzw. sein Verständnis von Musikwiedergabe allerdings wirklich nachvollziehen, so sind seine Bücher einfach Pflicht. Nur leider sind diese völlig vergriffen. Amazon, ebay & Co. - nichts. Ein an einige Kontakte entsandter "Hilferuf" war schließlich von Erfolg gekrönt und ich bekam kürzlich ein Paket mit leihweise überlassenen Büchern, dessen Besitzer einer der kompetentesten Köpfe der Branche überhaupt ist (an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür!). Eigentlich suchte ich ja nur dieses Buch:


Initiation aux Ampli a Tubes, Jean Hiraga (1986)

Gleichwohl steckten dann erfreulicherweise noch diese drei Überraschungen mit im Paket:
   

Neben den beiden Sammlungen von Beiträgen und Artikeln (Selection de L´Audiophile) weckte insbesondere das Buch über Lautsprecher (Les Haut-Parleurs) mein Interesse, doch dazu später mehr. Der Zustand der Bücher darf zum Teil durchaus als bearbeitet bezeichnet werden, wofür der Besitzer sich gleichsam - völlig unnötigerweise - ein wenig entschuldigte. Sind Bücher in diesem Zustand doch Zeugnis eines Prozesses intensiver "Verinnerlichung"... (Fürderhin wurde ich gewarnt, nicht alle Schaltungen würden genau so wie abgebildet funktionieren!)

Der äußere Zustand war mir ja ohnehin völlig "wurscht", vielmehr beschäftigte mich der Umstand, dass alles auf Französisch war... Also galt es, das alte Schulfranzösisch wiederzubeleben und nach einer gewissen Eingewöhnung (und mithilfe des Online-Wörterbuchs) war diese Hürde bald genommen.

Für die Altvorderen der Szene womöglich ein alter Hut, für mich durchaus interessant: Bereits 1972/1973 - zu einer Zeit, als ich in der Sandkiste munter Backförmchen bearbeitete - führte Monsieur Hiraga (u.a. zusammen mit K. Anzai) bereits Trioden-Shootouts z.B. mithilfe von Altecs Voice of the Thaeter durch (D100, DA30, 6B4G, PX4, AD1, 2A3, 211, 300B, 801A, KT88,...):


Bildquelle: Initiation aux Ampli a Tubes, S. 101

Natürlich wird auch der Produktionsprozess von Röhren näher beschrieben und dokumentiert. So sah das 1973 während eines Besuchs bei GEC aus:


Montage...
  

...Kolbensetzen und Evakuierung...
   

...finaler Test...
  
  
...und 200 h-Alterung - alles Frauensache!
Bildquellen: Initiation aux Ampli a Tubes, S. 47-50
  
Außer Hintergründen zu Details der Röhrenproduktion gibt Hiraga auch konkrete Empfehlungen bzw. eine Übersicht, welche Übertrager sich für welche SET eignen:
 
 
Bildquelle: Initiation aux Ampli a Tubes, S. 97
 
Aber wie bereits erwähnt hat mich Hiragas Buch "Les Haut-Parleur" noch viel mehr fasziniert. Kaum ein in den letzten Jahren erschienenes Lautsprecherbuch kann es in Sachen Umfang, Detailtiefe und Substanz mit diesem "alten Schmöker" aufnehmen. Hier werden wirklich viele (zwar wohlbekannte) Grundlagen und Basics zu Hörnern, Open Baffle und akustischem Kurzschluss, Transmissionlines, Onken-Gehäuse, Bassreflex usw. behandelt, aber auf eine sehr inspirierende Weise, die hier und da neue Denkanstöße gibt.




 
Bildquellen: Les Haut-Parleur, Jean Hiraga, S. 177-179, 126/127, 230 (von oben)
  
Ich glaube, jetzt werde ich die Inhalte dieses Buchs verinnerlichen. Vor dem Zurücksenden an seinen Besitzer muss ich es nur noch kopieren bzw. Seite für Seite einscannen. Zum Glück können elektronische Scans nicht so schnell zerfleddern wie Papier...

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